Deutsch für Deutsche X oder Wieder was weg VI

Nun also doch wieder ein Beitrag zum Thema DfD (dank des Zuspruchs von yogi :) ).

Heute wurde mir ganz blümerant, da das Kleinod Deutsche Sprache langsam zum Dreikäsehoch schrumpft. Nun, ganz so schlimm ist es noch nicht, aber just die genannten fettgedruckten Worte sollen nach Sprachforschers Studien langsam verschwinden. Aber bang ist mir da nicht, stehen doch schon die entsprechenden englischen Worte zum freundlichen Gebrauch feels queer – treasure – midget. Außerdem verlieren die Sprachen ständig Worte, da sich Bedeutungen ändern, manches veraltet oder etwas einfach nicht mehr existiert. Oder weiß noch jemand was ein uneigentliches Strafgedinge ist?

Als dt. Ersatz stehen außerdem zur Verfügung: schwindelig – Schmuckstück – Knirps.

Schauen wir mal bei den Gebrüdern Grimm nach, wird mir beim ersten Wort gleich wieder plümerant: Im Band 2 von 1860 findet sich das Wort nicht, der Band 13 (1889) kennt nur plümerant mit “p. Es kommt aus dem Französischen bleu mourant (mattblau, eigentlich sterbendes Blau, was offenbar die franz. Studenten zu dem Bedeutungswechsel veranlasste) und wurde auch im deutschen tatsächlich auch in der ursprünglichen Bedeutung verwendet. Bei Grimm ist belegt:

plümerant-kleid, -rock aus Grimmelshausen Simplicissimus

und außerdem

ein plümerantenes kleid aus Freytag bilder (1867)

In dieser Schreibweise, aber in der heutzutage (noch) bekannten Bedeutung, fand ich andernorts noch folgende Belege:

Jetzt wird mir die Jeschichte zu plümerant.
[Hartleben: Hanna Jagert. Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky, S. 234090
(vgl. Hartleben-AW Bd. 3, S. 50)]

und

Ein kolossaler Weltdrache füllte die ganze Gegend und glotzte den Noah mit Millionen Augen so eklich an, daß dem Armen ganz plümerant zu Mute wurde.
[Scheerbart: Immer mutig!. Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky, S. 470918
(vgl. Scheerb.-Mutig, S. 23-24)]

Bei Grimm stellte ich dann noch fest, daß das Wort seinerzeit auch blimerant oder blömourant geschrieben wurde und letztlich fand sich auch ein Beleg für blümerant, das Frisch erstmals in dieser Schreibweise verwendet haben soll.

Letzlich erinnere ich mich noch an den Gebrauch des Wortes im Sächsischen als blummerrande (auch blimerant, wie zum Beispiel in dem Satz: “Als ich von dort ohm runnerguckte, wurde´s mir ganz blimerant”) für schwindelig, angst und bange.

Ein wahres Kleinod ist das folgende Wort, bei Grimm geht die Beschreibung glatt über vier Seiten: zunächst befassen sich die Gebrüder (1873, eigentlich Dr. Rudolf Hildebrand, denn das Werk GRIMM: DEUTSCHES WÖRTERBUCH entstand ja im Verlaufe von rund 100 Jahren!) mit den Formen des Wortes als eigene substantivische Bildung von klein. es wurde zunächst kleinot geschrieben und heute noch gesprochen. Die Umlautform cleinote ist früh wieder erloschen (16. Jh.), daneben gab es noch die oberdeutsche Form cleinat, das Wort kleinet hatte im Gegensatz zum künstlich erhaltenen kleinod (als Kleinigkeit) eine andere Bedeutung (gaben und kleinet). Seltsam mutet auch das Wort kleinheit an: In einer Nürnberger Chronik hieß es: ein silbern ubergult cleinheit voll gulden (als Geschenk der Stadt an den König). Die Mehrzahl hieß kleinot (kleinat, kleinet) und kleinoter (kleinöter), auch kleinodien (welche bei Grimm häßlich genannt und aus der Kanzleisprache entlehnt wurde), heute natürlich Kleinode.

Zur Bedeutung in Kürze dies:

  1. ursprünglich “kleines Ding”: damals noch erhalten bei Fleischern für die kleineren Teiledes Schlachtstücks, die als Zulage mit in den Kauf gewogen wurden; weiterhin als Kleinigkeiten, z. B. beim Fronzins; außerdem Kleinigkeiten im Haus (so z. B. im Sachsenspiegel in der Aufzählung der wichtigen Geräten, Geschmeide, Teppichen im Haus usw noch die ursprünglich vergessenen Kleinigkeiten [noch ist mangerhand klenode, dat in {den Frauen} gehort, al ne nenne ik is nicht sunderliken, als [z. B.] borste, schere, spegele); dann auch als Kollektion von Kraut und Gemüse (das kleinet in den gärten verdorrte alles von der groszen hitze), daher auch der Kleinotgarten (im Erzgebirgischen belegt), was schließlich zum heutigen Kleingarten (!) führte; älter belegt ist kleinat (für die Eingeweide des Menschen); als eine Art Pfefferkuchen wurde im altdänischen aus Deutschland eingeführtes Kleinbrot mit kleinet bezeichnet
  2. vom fein, zierlich gearbeiteten Kunstwerk leitete sich die heutige Bedeutung ab (bei Grimm liegt da allerdins vieles noch im Dunklen): Schriftstücke, Goldschmiedearbeiten, Wertsachen als Schatz, Kirchenschätze, Schmucksachen, Geschmeide, später überwog der Begriff des Edelsteins,
  3. Schmuck u. ä. als bedeutungsvolles Abzeichen (z. B. auch das Abzeichen eines Landes, einer Stadt; als Reichskleinodien als Zeichen der Würde der Kaiser)
  4. Kleinod als Geschenk (als Minnegabe, als Abschiedsgeschenk, als Ehrengabe, Kleidungsstücke, die Damen den Rittern gaben; aber auch ironisch für z. B. den Schwerthieb)
  5. Kleinod als Siegerpreis (ein Siegeskleinod, aber auch sinnbildlich)
  6. alle vorgenannten Bedeutungen sind nach GRIMM im wirklichen Leben verloren, geblieben ist besser: wird bald gewesen sein: Dinge vom höchsten Wert, von Seltenheit, die von allen als unschätzbares Gut anerkannt
  7. zum Schluß war nicht unterzubringen die Bedeutung für Krankheiten: man hüte sich vor dem kalten seich, krebs, schlier, kolben und andern dergleichen kleinoten

Der Dreikäsehoch (für Knirps, der nur so groß ist wie drei runde Käse hoch) ist kürzer erklärt: Er kommt bei Grimm nicht vor ;)

So das mußte jetzt mal wieder sein nach so viel Musik und Natur der letzten Tage. Außerdem waren derartig hochgeistige Artikel schon ein Weilchen her: 18. Mai 2007 bzw. 26. April 2007.

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4 Responses to Deutsch für Deutsche X oder Wieder was weg VI

  1. Pingback: Weltblick » Deutsch für Deutsche XI

  2. Uli says:

    Schön geschrieben. Erwische mich selbst oft dabei “altbackene” Worte zu verwenden. Wer kennt z.B. noch einen “Oheim”? Im Gegenzug dazu könnten wir ja mal ein paar neue hinzufügen. Bin da nämlich gestern Abend drüber gestolpert:

    http://www.uli-kutting.de/blog/archives/deutsch-fuer-deutsche-heute-stenkel.html

    Übrigens: Habe Deinen Artikel über die Google-Blog-Suche nach dem Begriff “Deutsch für Deutsche” gefunden.

    Grüße
    Uli

  3. hebemat says:

    Also mein alter Onkel (82.) verwendet das ständig und auch ich ertappe mich dabei, mich gegenüber meinen Nichten als Oheim zu bezeichnen, was die dann gackernd übernehmen :)

  4. Pingback: Weltblick » Blog Archiv » Wieder was weg VII

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