Hinter den Mauern
Was kann nicht alles hinter den Mauern sein? Einst war es der Goldene Westen oder die eingemauerten Ossis, je nach Standort. Heute sind es die bombenden Palästinenser oder Israelis. Viel früher waren hinter den Mauern wahlweise die Barbaren oder der kaiserliche Hofstaat. Die Guten oder die Bösen.
Wer weiß schon genau, wie es in den Mauern der Kernkraftwerke, der Gefängnisse und Irrenanstalten dieser Welt oder der Superreichen-Stadtviertel in Brasilien, Rußland oder sonstwo aussieht? Wer hat schon gewußt, was hinter den Mauern von Amstetten vonstatten ging?
Eine besonders lustige Hinter-den-Mauern-Geschichte fand ich heute in der Hl.-Abend-Ausgabe der FAS 2006 (der eingeweihte Leser bemerkt sofort, daß sich der Lesevorrat nun endlich seinem lang ersehnten Ende zuneigt) in einer Weihnachtsgeschichte von Владимир Георгиевич Сорокин (53), Ein Kreml aus Zucker geheißen und extra für diese Zeitung angefertigt.
Dort beschreibt er einen Tag im Leben der kleinen Marfuscha, den Tag der Bescherung der russischen Kinder durch den großen Staatslenker in einer ferneren Zukunft. Das Neue Rußland ist dort im Begriff, sich einzumauern zum Schutz vor den Gefahren, die da so lauern.
Jenseits der Großen Mauer treiben nämlich die verdammten Cyberpunks ihr Unwesen, die widerrechtlich unser Gas absaugen wollen, dazu die gleisnerischen Katholiken und die gewissenlosen Protestanten, die übergeschnappten Buddhisten und die bösartigen Muslime sowie allerlei verderbtes, gottloses Gesindel, Satanisten, die auf öffentlichen Plätzen zu verwerflicher Musik zappeln, Sodomiten, die sich gegenseitig den Po aufreißen, tückische Werwölfe, die aus ihrer von Gott gegebenen Gestalt schlüpfen, habgierige Plutokraten und schadenstiftende Virtuelle, gnadenlose Technotronen, Sadisten, Faschisten, Mega-Onanisten… Von letzteren haben Maruschja ihre Freundinnen erzählt: Das seien schamlose Europäer, die sich in Kellergewölbe einschließen, Feuertabletten schlucken und mit stählernen Gerätschaften an ihren Piephähnen ziehen. Wie schrecklich!
Wie herrlich! Dieser Text! Aber deshalb hab ich diesen Aritkel eigentlich gar nicht geschrieben: Was mir seit viiiieelen Jahren nicht mehr untergekommen war, ist das Wort “gleisnerisch”. Es ist schon so lange her, daß ich dessen Bedeutung nur noch erahnen kann. Da hilft nur nachgucken: Und siehe da, Wahrig meint mit Bestimmtheit, daß es heuchlerisch heißt und dies poetisch verwendet wird. “Es jemandem gleichtun” würde auch die Herkunft des Wortes erklären, also blenden.
Und so blende ich für heute ab, gleisnerisch sozusagen. (Gehört natürlich auch in die Serie “Deutsch für Deutsche XVI“)
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1. Juni 2008 um 18:03
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