Unter diesem Titel wird der morgige Spiegel (30/2008) sich mächtig über die deutsche Blogger-Szene hermachen und sie der Bedeutungslosigkeit schmähen. Mit wenigen Ausnahmen, genannt werden
- Stefan Niggemeier mit seinem BILDblog (Bonsai-Blogger gegen den Riesen BILD)
- Jens Berger mit seinen Spiegelfechtereien
- Hendryk M. Broder mit seinem (das Blog) neuen Blog (letzter Eintrag vom 10. Mai 2008: Nimmt er sein Motto: “Sie haben das Recht zu schweigen” selbst ernst?)
- Wolfgang Lieb mit seinen Nachdenkseiten (Spiegel: Poilt-Rentner)
- Rainer Mayer mit seiner Blogbar,
sei die deutsche Bloggerszene “macht- und bedeutungslos, meist unpolitisch und rechthaberisch, selbstbezogen und unprofessionell”. Natürlich hält “Der Spiegel” uns den amerikanische Spiegel vor, wo die klassischen Grenzen zwischen “Mainstream-Journalismus” und Blogosphäre verwischen. Als Grund wird u. a. zitiert, daß die Stärke der Onlinejournalisten die Schwäche der etablierten US-Medien sei. Vielleicht, lieber Spiegel, haben wir ja da bereits einen Grund für die Schwäche der deutschen Bloggerszene ausgemacht.
Wenn ich mir allerdings z. B. das ZDF mit seinem Flaggschiff, der heute-Sendung anschaue, kommen mir da bereits wieder leise Zweifel. Über die Boulevardisierung, sprich Meinungs- statt Nachrichtenverbreitung und Trivialisierung, habe ich mich zuletzt bereits ausführlich hier ausgelassen.
Wie anders da in den USA: Dort hätten verschiedene Blogs bereits eine derartige Medienmacht, würden Skandale enthüllen, im Wahl”kampf” mitmischen und den Etablierten das Fürchten lehren, wie beispielsweise Ken Layne mit seinen Seiten Ken Layne, Ken Layne, Wonkette und der Politmaschine. Was ich allerdings nicht verstehe ist, warum die Damen und Herren Brauck, Hornig und Hülsen sich über das Nachhinken der deutschen Blogospäre so wundern, ist doch auch im Zeitalter der (zweiten oder dritten, die erste waren ja nach Sloterdijk die Kolumbusschen Entdeckungsfahrten) Globalisierung noch gängige “Lehrmeinung”, daß Europa den amerikanischen Entwicklungen Jahre hinterherhinkt, wenn auch sicher der Abstand inzwischen geringer geworden ist. Also, etwas Geduld, liebe Freunde.
Ich für meinen Teil jedenfalls betreibe hier einen der belanglosen, “meist unpolitischen, rechthaberischen, selbstbezogenen und unprofessionellen” deutschsprachigen (das ist vielleicht das schlimmste heutzutage) Blog namens Weltblick, den ich als eine neumodische Art eines öffentlichen Tagebuches verstehe. Abgesehen davon, daß ich gar nicht den Anspruch erhebe, professionell zu sein (hierzu fehlen mir
- die Zeit, [glücklicherweise habe ich noch eine feste Anstellung {die ich noch nicht als job bezeichnen möchte}]
- die journalistische Ausbildung [ich bin Dipl.-Ing {wie antiquiert, ich weiß} in technischer Verkehrskybernetik] und
- die Nähe zum politischen und sonstigen Geschehen [ich habe weder Korrespondenten in fernen Ländern noch ausreichend Geld und muß mich daher auf Webrecherche und meinen Verstand verlassen].)
Ich will lediglich aufmerksam durchs Leben gehen, ab und zu meine (unbedeutende) Meinung zu Themen niederschreiben, die mir unter den Nägeln brennen, wie z. B.
- zur Verlotterung der deutschen Sprache (Deutsch für Deutsche)
- zu Dingen des Alltags die sang- und klanglos verschwinden (ganz ohne Wehmut, nur im Sinne einer Chronik: Wieder was weg)
- zum technischen Fortschritt (Tagebuch eines PC-Fanatikers)
- und, jawoll, auch Veröffentlichung “irgendwelchen Entertainment-Mülls aus dem Internet” (Zitat “Don Alphonso”), wobei ich den Müll noch durch eigene Beiträge (flickr, youtube) mehre, da ich gern fotografiere
- sowie eine wissenschafliche Beschäftigung mit der deutschen Verkehrsgeschichte (Das Reichsbahn-Wiki).
Ich gebe gern zu, daß dies ein Sammelsurium ist und ich damit natürlich keinem etablierten Medium das Fürchten lehre und lehren will. Mir sind jedoch solche Blogs (im Moment) zehnmal lieber (Stichworte: Rechthaberei und Oberlehrerhaftigkeit), als mit dieser neuen Form, Macht ausüben zu wollen. Obwohl das eine oder andere Medium durchaus Denkanstöße auch von Laien annehmen könnte (siehe oben), bin ich entschieden gegen solche Formen, wie Prominenten-Foto-Hatz durch BILD-Bürgerjournalisten und dergleichen.
Soll ich mich ereifern, daß
- ein US-Präsidentschaftskandidat nun auch schon in Deutschland amerikanischen Wahlkampf macht und damit aus meiner Sicht eine neue Dimension deratiger Schauveranstaltungen erreicht ist?
- die PKK Deutsche, die sich absichtlich in Gefahr begeben haben, entführt haben? Und nun große Freude, daß sie wieder frei sind. Dabei hat Herr Öcalan schon 1993 in einem FOCUS-Interview angedroht, auch gegen Unschuldige vorgehen zu wollen.
Nein, nein, ich bleib bei meinem “Gemischtwarenladen” und freue mich auch über Kleinigkeiten, die der Spiegel natürlich nicht mitkriegt, wie z. B. den Erfolg des (damals 17jährigen) Bloggers F. S. im Krieg um die Readers Edition der Netzeitung.
Aber ich war ja überhaupt nicht gemeint mit dem SPIEGEL-Artikel (obwohl ich ja doch einer der von den Redakteuren geschätzten 200.000 deutschen, aktiven Bloggern zu sein scheine).
Nachgebloggt
Nachdem ich mir meinen heutigen Beta-Blogger Blocker eingepfiffen habe, noch eine kleine Liste von Reaktionen aus der Gemeinde:
Der Spiegelfechter: Beta-Journalisten und Beta-Blogger
Ja gut, aber…: Bin ich ein Beta-Blogger?
Don.antville: Warum Blogs in Deutschland (noch) nicht funktionieren
Nerdcore: Warum Blogs in Deutschland funktionieren
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Hallo lieber Weltblicker,
danke
1. für Deinen Kommentar zu meinem Beitrag über Kinderboxen in Grossbritannien,
2. den Willen, Dich trotz – wie üblich – pessimistischer Sicht des Spiegels weiterhin in Deinem Gemischtwarenladen zu betätigen und
3. der ausgezeichneten Rethorik, die diesen Beitrag auszeichnet.
Summa summarum kann ich Dir nur beipflichten!
Schöne Grüße, will sagen “zurückgeblickt”,
P.
Danke, Phil, freut mich sehr.
Wir lassen uns doch nicht ins “Boxhorn jagen” und machen einfach weiter
Schönen Sonntag M.
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