Deutsch für Deutsche XV

Beim Lesen von Tempo 2/1994 fielen mir folgende Listen unter dem Titel

  • Was wir an Deutschland gerne haben…
  • … und wo Deutschland uns gerne haben kann

auf.

Da vieles davon heute noch aktuell ist (über manche Sache ist die Geschichte allerdings bereits hinweggegangen), möchte ich die Listen mal in Erinnerung rufen, wenngleich ich durchaus nicht alle Aussagen teile, alors:

Was wir an Deutschland gern haben…

  1. MTV, weil es nicht synchronisiert wird. (Davon ist längst nix mehr übriggeblieben)
  2. Frank Castorf, weil er es wagt, an die Zukunft des Theaters zu glauben.
  3. Finis” in der “Zeit”, weil Benjamin Heinrichs (den gibt´s lange nicht mehr, selbst in der Suche der Zeit nicht gefunden) dort cool ausblödeln darf.
  4. Feuerwehrleute, weil sie untadelige Helden in Uniform sind.
  5. Die Woche, weil sie einem Zeit für den Spiegel läßt und dennoch alle bunten Sterne im Focus hat.
  6. Die Jahreszeiten, weil sie trotz Rezession (!) nicht reduziert werden können.
  7. Horst Seehofer, weil er sich vor keiner Lobby fürchtet und dabei seinen christlichen Witz bewahrt hat.
  8. Hunde, weil sie sich mit erhobenem Bein gegen die vielen Autos in den Städten wehren.

9. Harry Rohwolt, weil keiner so schön zwischen zwei Zahnlücken schreiben kann.Harry Rowohlt

10. Ulrich Wickert und Wolf von Lojewski, weil sie in geistreicher Melancholie die Schrecken der Welt erklären [das fehlt heute wirklich, zumal die Schrecken größer und die Erklärer immer klein(geistig)er werden.]

11. Die Wanderdünen von Sylt, weil man am besten  eben diese Welt vergessen kann.

12. Die Rubrik “Was fehlt” in der “Taz”, weil sie einen für Deutsche untypischen Mut zur Lücke beweist.

13. “Bild“-Kommentare, weil sie uns den Besuch eines Stammtisches ersparen.
14. Boris Becker, weil er mit seinen Interviews die Sauregurkenzeit besser füllt als das Ungeheuer von Loch Ness.
15. Das Streiflicht der “SZ“, weil es die Leichtigkeit des Seins täglich in Sprache gießt.
16. Gregor Gysi, weil er jenseits seiner politischen Grundhaltung intelligent und souverän ist.
17. Die gelben Ortsschilder, weil sie ein Stück positives Deutschland sind.

18. Das Dreiländereck, weil immer zwei Länder in erreichbarer Nähe liegen.
19. Die Hafenstraße, weil sie die beste Alternative zur Neuen Heimat ist.
20. Braunkohl mit Brägenwurst, weil nach keiner Mahlzeit der Verdauungsschnaps so gut schmeckt.
21. Thomas Ebermann, weil der Fundamentalist in Wort und Tat vorführt, daß Politik keine Sauerei sein muß.
22. Max Goldt, weil dieser Autor unfähig ist, eine einzige langweilige Zeile zu schreiben.
23. Mechanische Schreibmaschinen, weil ihr Klang so süß ist und sie den Benutzer nie mit Datenverlust bestrafen.
24. Den FC St. Pauli, weil seine Fans als einzige in Deutschland “You´ll Never Walk Alone” beherrschen, das anrührendste Stück der Musikgeschichte.
25. Die “Lindenstraße“, weil sie beweist, daß das Leben eine Serie ist.
26. “Klartext”-Fußballbücher, weil lebendiger Geschichtsunterricht wichtig ist.
27. Die “Ottifanten“, weil sie belegen, daß auch Zeitungscomics saukomisch sein können.
28. “Lost in Music“, weil es die einzige kompetente Musiksendung im deutschen Fernsehen ist (war).
29. Christoph Schlingensief, weil er mit seinem Film “Terror 2000″ bewiesen hat, daß Autonome keinen Humor haben.
30. Cora E., weil sie Charisma, Charme und Grips hat.
31. Usedom, weil das der schönste Grund für die Wiedervereinigung ist.
32. Die Ärzte, weil sie die beste deutsche Popband sind.
33. Den “Kicker” und die “Titanic“, weil sie in diesen unruhigen Zeiten die einzigen sind, auf die man sich noch verlassen kann.
34. Sibilla Pavenstedt, weil sie die Kleider für Märchenfeen macht.
35. Spätzle, weil die schwäbischen Nudelwürmer das kulinarische Bollwerk gegen den food-Imperialismus jeder Art sind.
36. Franz Steinkühler, weil er den Deklassierten Mut machte und ihnen vorführte, daß auch in der Rezession der große Reibach möglich ist.
37. Marie-Luise Scherer vom “Spiegel”, weil jeder einzelne Satz von ihr mehr enthält als viele Bücher.
38. Horst Hrubesch, weil er Angler ist und ein so häßlicher Deutscher wie er dennoch ein aufrechter Mensch sein kann.
39. Alice Schwarzer, weil sie von allen Männern die witzigste ist.
40. Christian Schwarz-Schilling, weil er gezeigt hat, daß Politiker auch mit Anstand zurücktreten können.
41. Steffen Heitmann, weil jeder seiner Auftritte klar macht, was nicht aus Deutschland werden darf.
42. Aspirin, weil diese Tablette dem Trinker die Würde zurückgeben kann.
43. Dithmarschen, weil dort das Land so flach ist und die Menschen Tiefe haben.
44. Heiner Geißler, weil er wenigstens denkt, was er sagt.

45. Der kleine Eisbär Kai-Uwe aus dem “Wick Blau”-Spot, weil er unser Lebensgefühl in einer kalten feindlichen Umwelt wiedergibt.
wick_blau_ohne_zucker

46. Die neuen Postleitzahlen, weil die Menschen durch sie endlich wieder zum Bücherlesen kommen.

47. Katja von Garnier und Delev Buck, weil ihre Filme “Abgeschmikt!” und “Wir können auch anders…” die deutsche Filmeinöde belebt haben.

48. Eckart Witzigmann, weil er in der Zeit, in der andere nur schnupfen, ein ganzes Gericht kocht.
49. Die Frauenkirche in München, weil sie im Gegensatz zu ihrem Namen das schönste Phallus-Symbol Deutschlands ist.

  1. muenchen-frauenkirche-030801g

50. Überraschungseier, weil sie nicht nur mit Schokolade Nervennahrung bieten, sondern auch mit inzwischen fünf Serien von Gartenzwergen die deutsche Seele laben.

…und wo Deutschland uns gerne haben kann

  1. Lothar Matthäus, weil er mit seinem Schwanz spricht, bevor er denkt.
  2. Johannes Willms, weil er den Reportern des “SZ”-Feuilletons den Platz stiehlt.
  3. Gerhard Meir, weil er spricht, statt Glatzen zu kämmen.
  4. Das Wort “ethnische Säuberungen“, weil es den sauberen Deutschen hilft, so dreckige Sachen wie Vergewaltigung und Folter und Massenmord zu verdrängen.
  5. Der soziale Wohnungsbau, weil er die Leute zwingt, in Schuhschachteln (früher ABC genannt) zu leben.
  6. Die Vorliebe für Fremdwörter, weil sich darin mangelndes Selbstvertrauen in die eigene Sprache manifestiert.
  7. Viele Journalisten, weil sie Analphabeten sind, die lesen und schreiben können.
  8. Männermanieren, weil sich Deutsche nur gut benehmen, wenn sie schwul sind.
  9. Meister Propper, weil Glatzköpfe, die für Ordnung und Sauberkeit eintreten, von gestern sind.
  10. Udo Lindenberg, weil er nur noch ein Schaden seiner selbst ist.
  11. Der Grüne Punkt, weil es sich dabei um den größten, alle Verbraucher ausnehmenden Etikettenschwindel handelt.
  12. Sülze, weil sie noch schlechter schmeckt, als sie eh schon aussieht.
  13. Erwin Huber, CSU-Generalsekretär, weil er nicht denkt, wenn er was sagt.
  14. Rolf Töpperwien, weil er der schlechteste und lauteste aller Sportreporter ist.
  15. Claudia Schiffer, weil nicht in jedem gesunden Körper ein gesunder Geist wohnt.
  16. Bodo Kirchhoff, weil er so schwafelt, wie er schreibt, und so schreibt, wie er schwafelt.
  17. Ferdinand Piech, weil zwölf Kinder noch kein Beweis von Führungsstärke sind.
  18. Jesicca Stockmann-Stich, weil sie die deutsche Yoko Ono ist, allerdings nicht so begabt.
  19. Marc-Kevin Goellner, weil er zu doof ist, eine Baskettballmütze richtigrum zu tragen.

20.  Die Bundeswehr, weil sie Soldaten heranbildet, die in Somalia Landsertagebücher schreiben statt Minen zu räumen.

21. Heinz Klaus Mertes, weil er trotz seiner Segelohren in Kanzlerärsche kriechen kann.
22. Wim Wneders, weil er nur über amerikanische Filme jammert, statt selbst bessere zu machen.
23. Die Böhsen Onkelz, weil es sie noch immer gibt.
24. Martin Buchholz, weil er der langweiligste Wortspieler unter den deutschen Kabarettisten ist.
25. Die rechten Biedermänner, weil sie Neonazis und Brandstifter klandestin ermutigt haben.
26 Klandestin, weil kaum einer weiß, was das Wort sagen will.
27. Angela Merkel, weil sie aussieht und spricht wie die Inkarnation des deutschen Mutterkreuzes.

28. Wolfgang Schäuble, weil er so spricht, wie er denkt.
29. Cora Stephan, weil sie in ihren Artikeln stets nur ein Gedanke variiert wird: Links nix gut!
30. Brigitte Seebacher, weil mit Willy Brandt der Falsche zu früh von uns gegangen ist.
31. Der Ullstein-Verlag, weil er die Ergüsse rechtsradikaler Schreiber veröffentlicht.
32. Eugen Drewermann, weil sein Katholizismus light langsam sogar Protestanten auf den Keks geht.
33. Dieter Gorny, weil der (ehemalige) Geschäftsführer von VIVA der schlimmste Wichtigtuer der deutschen Popszene ist.
34. Straßenmusikanten (noch schlimmer sind die in U- und S-Bahn), weil sie mit ihrer Talentlosigkeit und Lautstärke jeden Einkaufsbummel ruinieren.
35. Helmut Schmidt, weil die öffentliches Selbstdemontage eines elder statesman erschütternd ist.
36. Campino, weil der Sänger der Toten Hosen das Vorurteil bestätigt, Rockmusiker seinen geistlos, schrill und geil.
37. Deutscher Hip-Hop, weil er so minderklassig ist, wie deutscher Kaviar.
38. Heinz G. Konsalik, weil er so denkt (dachte), wie er schreibt (schrieb).
39. Dicke Menschen in enger Kleidung, weil Wurst nur auf den Teller gehört.
40. Die Farben Schwarz-Rot-Gold, weil sie nicht so sinnlich aussehen, wie Blau-Weiß-Rot.
41. Die Hamburger Idee von Wohnungskontrolleuren, weil wir Blockwarte schon einmal hatten.
42. Heiße Stühle im privaten Fernsehen, weil dort nur kalter Haß entsteht.
43. Die norddeutsche Tiefebene zwischen Oktober und März, weil sie dann nicht zur menschlichen Besiedlung geeignet ist.
44. Trendforscher, weil sie für laue Winde harte Währung kassieren.
45. La Ola, die Welle, weil sie nur noch für verordnete Begeisterung steht und fällt.
46. Hans Hubert Vogts, weil er versucht, den Mann von Welt zu spielen.
47. Dirk Bach, weil er es komisch findet, mit behaartem Bauch durchs Fernsehbild zu hüpfen.

48. Das ß zum Beispiel in daß, weil das so häßlich ist.
49.Thomas Gottschalk, weil er der am besten angezogene Transvestit Deutschlands ist.
50. Der lange dunkle Winter, da er so anstrengend ist.

Die letzte “Lektion” ist schon länger her.

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Ein Kommentar zu “Deutsch für Deutsche XV”

  1. Weltblick » Deutsch für Deutsche XVI
    12. Mai 2009 um 23:49

    [...] mitzumachen. Daher noch schnell ohne zu tränteln, die kurze Mitteilung, daß Deutsch für Deutsche XV sich ganz um uns selbst drehte. Sphere: Related [...]

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