Deutsch für Deutsche XVI

Es gibt 70 neue deutsche Wörter! Die Kulturzeit hatte unlängst einen Aufruf gestartet, vermeintlich oder tatsächlich bestehende Lücken in unserer Muttersprache zu schließen. Nun kann man trefflich streiten, ob für den einen oder anderen Umstand ein besonderer Begriff überhaupt nötig war, löblich ist die Initiative allemal. Manch einem ist noch im Sinn, daß vor einigen Jahren ein Wort dafür gesucht wurde, den Zustand zu beschreiben, wenn man genug getrunken hat, einer Entsprechung also zum “satt”. Herausgekommen war seinerzeit das Wort “sitt”, bekanntlich hat es bisher nicht den Weg in die Alltagssprache gefunden. Bleibt abzuwarten, welches Schicksal den im folgenden aufgeführten Gewinnern beschieden sein wird.

Ich habe einmal aus meiner Sicht versucht, die Vorschläge in sinnvoll und eigentlich nicht notwendig einzuteilen, wobei ich erstere an den Anfang stelle:

Sinnvolle Wortneuschöpfungen

  • nicht riechen können: geruchstaub, Niecher, nonasal
  • nicht schmecken können: gaumentaub, ingust
  • eine Person, deren Namen man vergessen hat: Ohhallodu
  • Jemand, der die Meinung anderer Leute übernimmt, da er keine eigene hat: Nachmeinler
  • das Gegenteil zu “dauern”: plötzen, hurten
  • die kleine Leuchte im Lichtschalter: Glimmerli
  • eine Wahrheit, die jeder kennt, aber niemand ausspricht: Kaiserkleid
  • jemand, der sich ständig unnötig Sorgen macht: Grämerseele, Zittribus, Überhase
  • giftiger Uferschaum: Gleische, Gülsch
  • alles, was unser Auge, unser Sehen stört (analog zur Lärmbelästigung beim Hören): Blickmüll
  • frühmorgens schon sehr gut gelaunt sein: frühfroh
  • der Bruder/die Schwester der Ehefrau, vom Ehemann aus gesehen: Schwieger(in)
  • Trauer um vergangene Zeit (analog zum Heimweh): Zeitweh

Eigentlich überflüssige, neue Wort

  • ein falsches Lächeln: Scheinlächeln
  • der 2. und der 4. Zeh: Zeigezehe und Ringzehe
  • ein unbeabsichtigter Anruf, z. B. durch Sitzen auf dem Mobiltelefon: Fehlfon, Versehruf, Sitzschaltung, mobiler Zufall, Dunkelwahl, Taschenruf
  • das Innere des Brötschens: Brötchenwatte
  • der Geruch, den der Regen hervorbringt, wenn es lange Zeit warm und trocken war: Regenwürze
  • das zwiespältige Gefühl, wenn etwas genauso kommt, wie man es gewünscht, gehofft oder lange vorbereitet hat: Sehnsorge, Entwünschungsleere
  • eine männliche Mätresse: Matratzo
  • die Bevorzugung gutaussehender Menschen: Bellomanie, Adonisbonus
  • ein Mensch mit multinationaler Herkunft: Vielwurzler, Neubabylonier, Globant
  • der vergebliche Versuch, sich an einen Traum zu erinnern: Traum-Alzheimer
  • bereit zum Lachen sein: angegackert
  • das, was von einer Sache ausgeht, der man Interesse entgegenbringt: Glückssog
  • der Prozeß der Digitalisierung: Googlelisierung, Googlisierung
  • ein Schwätzer, der die Umstehenden mit seinen Geschichten langweilt: Lidsenker, Babbler, Dunstplauderer, Schwatzling
  • Schuldgefühle, die man bekommt, wenn man klatscht und tratscht: Gewissensnager
  • jemand, der sich gern als Opfer sieht: tiefmütig
  • aus irgendeinem Grund: irgendwarum
  • wenn man nachts im Monschein läuft und der fahle Schatten seiner selbst einen still begleitet: Mondscheinläufer
  • sich etwas ausdenken: Gedankenweber
  • etwas, das einem auf der Zunge liegt: Zungenlieger
  • langsam arbeiten: tränteln
  • ein sehr schöner Mensch: Hübschling
  • nörgelig und mürrisch: nörrisch
  • Suffix für alle Verwandten väterlicher- bzw. mütterlicherseits: -va bzw. -ma, z. B.  Onkelva
  • Saugglocke für das WC: Pufka
  • die manchmal ungleiche Verteilung des Wetters zwischen Tag und Nacht: Wetterverschwendung
  • einen nicht ganz gerade liegenden Kartenstapel ausrichten: sapsen
  • Schneenieseln: schnieseln
  • kostenpflichtiges Telefongewinnspiel: Verlierspiel
  • jemand, der verblüffend schnell seine Meinung ändert: Trendlemming
  • die Unart, sich ständig neue Wörter auszudenken: Idionamie
  • Unmutsäußerung: knöhren
  • antriebslos sein: drömeln
  • jemand, der zwischenmenschliche Beziehungen ausdiskutiert und zerredet: Kopfschwätzer
  • nach dem Aufwachen dem Traum nachhängen: traumsuhlen
  • nach einem Liebeskummer untröstlich, todunglücklich sein: balzwund
  • Prophetenalarm und Substanzvampire (keine Ahnung, was das soll)

Ich möchte ja nicht knöhren, aber vieles ist doch Idionamie. Ich war zu drömelig, um mitzumachen. Daher noch schnell ohne zu tränteln, die kurze Mitteilung, daß Deutsch für Deutsche XV sich ganz um uns selbst drehte.

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Mai 12th, 2009 //date
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