Zeitvergleich XXVII
21. Dezember 2009
Heute las ich in der U-Bahn die Schlagzeile: Deutschland versinkt im Schneechaos oder so ähnlich, jedenfalls mit einem völligen Mangel an Wirklichkeitssinn wollte man uns weis machen, daß wegen einiger Flugzeuge am Boden und einiger zugefrorener S-Bahn-Berlin-Einstiege das Land am Rande einer Katastrophe sei. Dabei hatten einige cm des um diese Jahres- zeit normalen Schnees “ganz Deutschland” lediglich in einen durchaus üblichen Zustand versetzt und die blühenden Landschaften überzuckert. Doch das können die sich in Superlativismus übertreffende Journalisten nicht mehr sehen, wäre ja auch keine Meldung wert.
Was hätten die wohl zu 1942 gesagt?
21. Dezember 1942
(nach A. Kluge: Chronik der Gefühle Basisgeschichten)
Anhang 2 zur Heeresdienstvorschrift Ia, Seite 18 a, lfd. Nr. 17
A Winterverhältnisse
I. Einfluß des Winters auf Gelände, Witterung und Tageszeiten
1. Der russische Winter bringt langandauernde, starke Kälte (- 40 bis -50 °C), manchmal abwechslend mit kurzen Tauwetterperioden, Schneefälle, Stürme, Nebel und unsichtige Witterung. Die Tageszeiten nehmen mit Fortschreiten der Jahreszeit ab und betragen oft nur wenige Stunden, um erst langsam wieder zuzunehmen.
2. Temperaturunterschiede und Niederschläge haben im Winter erhöhten Einfluß auf die Gangbarkeit des Geländes. Der Frühwinter mit starken Frösten ohne große Schneefälle gestattet das Überwinden eines für undurchschreitbar gehaltenen Geländes. Flüsse und Seen werden zu Verkehrswegen für Landfahrzeuge, Sümpfe unter einer Schneedecke frieren jedoch nicht vollständig zu, sie besitzen meist nur eine dünne, wenig tragfähige Decke.
3. Im Verlauf des Winters steigern sich die Niederschlagsmengen und die Frosttemperaturen. Je nach den örtlichen Verhältnissen kann der Schnee jede Bewegung außerhalb gebahnter Wege für Rad- und Kettenfahrzeuge aller Art unmöglich machen.
4. Mit dem kommenden Frühjahr beginnt sich der Schnee zu setzen und erleichtert alle Bewegungen. jedoch kann der durch die Temperaturunterschiede hervorgerufene Wechsel zwischen hartem und weichem Schnee erschwerend wirken.
5. Auch geringer Schneefall kann unter dem Einfluß des Windes durch Schneeverwehungen zu großen Verkehrsstörungen führen. Diese Schneeverwehungen können bereits im Frühwinter einsetzen und sind besonders in weiten Steppengebieten sehr umfangreich.
6. Die Sichtverhältnisse sind bei klarem Frostwinter meist gut, auch Geräusche sind auf weite Entfernungen zu vernehmen. Bedeckter Himmel erschwert die Beobachtung, er kann genaue Geländebeurteilungen und Zielbezeichnungen unmöglich machen, da Höhe und Mulden sich wenig abzeichnen und beim Entfernungsschätzen größere Fehler verursachen.
II. Schneeverhältnisse und -eigenschaften
7. die Schneedecke liegt im europäischen Rußland im Süden (Ukraine und Unterlauf der Wolga) bis etwa 4 Monate, in der Mitte (Gegend von Moskau) 4-6 Monate, im Norden (Archangelsk) 6-7 Monate. Ebenso lange dauert der Frost. Die ersten Fröste treten gewöhnlich Anfang Oktober auf.
8. Die Schneehöhe ist je nach Gelände verschieden. Wind fegt den Schnee von offenen, glatten Flächen fort und häuft ihn vor Hindernissen und in Mulden an. In Wäldern liegt er ziemlich gleichmäßig hoch. Durchschnittlich ist im südlichen Rußland mit 10-40 cm, im mittleren und nördlichen Rußland mit 50-100 cm Schnee zu rechnen. Örtliche Anhäufungen (Schneewehen) von 2-3 m Höhe sind nicht selten.
9. Schnee-Eigenschaften. Der winterungewohnte und besonders im Winterkrieg in Rußland unerfahrene Soldat muß nicht nur über die Nachteile, sondern erst recht über die Vorteile, der der Schnee ihm bringt und die es auszunutzen gilt, Bescheid wissen! Schnee schützt, richtig ausgenutzt, gegen Kälte (siehe “Schneebauten”). Schnee schützt gegen Wind, ist jedoch luftdurchlässig (Ventilation). Schnee in genügender Stärke, schützt gegen Beschuß (3 m). Schnee ist ein gutes Tarnmittel.
10. Schneearten. Fallender Schnee besteht bei geringer Kälte aus großen Schneesternen oder Flocken (lockere Decke), bei größerer Kälte aus feinen Körnern, durch Wind wird Schnee zusammengepreßt (windgepreßter Schnee). Eine Harschdecke auf tiefem, weichem Schnee kann Bewegung erleichtern oder, wenn sie nicht genügend tragfähig ist, sehr erschweren. Das Durchtreten durch die Harschschicht ist für Fußgänger anstrengend, für Skiläufer oft gefährlich. Pferde und Hunde können die Füße verletzen. Die Tragfähigkeit von Harschdecken ändert sich mit der Tageszeit, besonders bei klarem Himmel.
B Vorbereitung auf den Winterkrieg
1. Die Erfahrungen lehren, daß deutsche Soldaten auch die Schwierigkeiten des russischen Winters zu meistern verstehen, dem naturverbundenen, urwüchsigen Russen auch im Winter überlegen sind… Voraussetzung für diese Überlegenheit sind: innerliche Vorbereitung auf die Härte des Winterkrieges, entsprechende Ausbildung und Gewöhnung, Vertrautheit mit der winterlichen Kampfweise, entsprechende Ausrüstung bzw. Anwendung von Behelfsmitteln.
..
D Kampfweise im Winter
1. … 9. …
Die verschiedenen Arten des Zurechtfindens
10. Die Art der Ortsbestimmung richtet sich nach den Sichtverhältnissen: Zurechtfinden bei Tag, bei Nacht und bei Nebel oder Schneesturm.
11. Bei Tag liegen für das Zurechtfinden meist die einfachsten Verhältnisse vor, da auch weit entfernte Geländepunkte zur Ortsbestimmung herangezogen werden können. Die Himmels-richtungen ergeben sich nach dem Stand der Sonne. Sie steht um 6:00 Uhr im Osten, um 12 Uhr im Süden, um 18 Uhr im Westen. Der Schatten zeigt jeweils in die entgegengesetzte Richtung.
12. Ist die Sonne bei bedecktem Himmel niicht zu sehen, so bietet in bedecktem Gelände die mit Moos und Flechten bewachsene Wetterseite von alleinstehenden Bäumen, Stangen oder Holzschuppen einen gewissen Anhalt für die Himmelsrichtung. Die Wetterseite zeigt in allen europäischen Ländern im allgemeinen nach Westen, in Rußland auch nach anderen Richtungen (rechtzeitig mit Kompaß feststellen).
13. Weitere Hilfsmittel zum festhalten der Richtung sind: Die Richtung des eigenen Schattens. Die Veränderung des Sonnenstandes ist zu berücksichtigen, die gleichlaufenden Schneewehen (Schneegangeln) auf großen, ebenen Flächen (Schneegangeln stets im gleichen Winkel schneiden), der in vielen Gebieten oft gleichmäßige Verlauf von Höhenwellen und Bachläufen.
14. Bei schattenloser Beleutung (diffuses Licht) ist es zweckmäßig, künstliche Schatten zu erzeugen. Beispiel: Verfolgen einer schwer sichtbaren Spur im Schnee. Ein Mann stellt sich mit einem Handschlitten dicht neben die Spur und erzeugt dadurch einen auf der Spur liegenden Schatten. Dieser kann von einem 2 m dahinter stehenden zweiten Mann deutlich wahrgenommen werden. Beim Marschieren weist der zweite den ersten durch Zuruf derart ein, daß der Schlitten die zu verfolgende Spur stets beschattet.
Schneebauten:
9. Vorbedingung für die Anlage von Schneebauten ist es, die große Abneigung gegen Schnee zu überwinden. Hier hilft nur Ausprobieren! Schnee ist winddicht und hält warm (dreimal so warm wie Holz). es muß lediglich zwischen Körper und Schnee eine Zwischenschicht geschaffen werden, damit der Schnee nicht schmilzt und dem Körper Wärme entzieht (dicke Unterkleidung, Uniform, Tarnkleidung, Mantel, dazu Zeltbahn und Decke, als Unterlage Skier usw.)
10. Entsprechend Lage, Schneehöhe und Schneebeschaffenheit haben sich folgende Schneebauten bewährt: Schneeloch, Schneehöhle, Schneegrube, Schneehaus, Iglu nach Eskimoart.
11. Schneeloch. Es bildet das einfachste Mittel, um sich schnell eine Notunterkunft zum Schutz gegen Erfrieren usw. zu bauen, z. B. im Schneesturm oder wenn der Angriff im offenen Schneegelände liegenbleibt. Zum eingraben dienen Spaten, Skier, behelfsmäßig das Seitengewehr. Auch wenn keine Werkzeuge zur Hand sind, kann sich ein Mann in mindestens 50 cm tiefem Schnee durch Hinlegen auf den Rücken, Stoßen mit den Füßen, Graben mit den Händen und mehrmaliges Umdrehen in wenigen Minuten ein Loch von der Länge des Körpers und Schulterbreite graben. Hat er 50 cm Tiefe erreicht, so gräbt er sich seitwärts unter den Schnee und verstopft mit losem Schnee das Anfangsloch, so daß nur eine kleine Öffnung bleibt. Je nach der Feindlage und Kälte kann das Loch ganz verschlossen werden. Je kleiner, desto wärmer ist der Raum.
12. Schneehöhle. Noch schneller gräbt man sich in den schrägen Hang einer Schneewehe ein. Wird der Eingang etwas schräg aufwärts geführt, so ist die Höhle vor dem Eindringen kalter Luft besonders wirksam geschützt. Schneehöhlen lassen sich auch für mehrere Männer bauen, je nach Tragfähigkeit der Schneedecke. Zur Beschleunigung wird von zwei Eingängen aus gebaut. Ein Eingang wird nach Vollendung wieder zugemauert.
J Schutz gegen Kälte und Schnee
I. Allgemeines
1. Zum Kampf mit dem Feind gesellt sich im Winterkrieg der Kampf mit der Natur, und zwar: Kälte, Schnee, Wind, unsichtigem Wetter undd langer Dunkelheit. Der Soldat muß diese Schwierigkeiten nicht nur in festen Unterkünften und Stellungen, sondern auch auf dem Marsch und vor allem im Kampf meistern können. Hierzu gehören Erfahrung und Gewöhnung sowie die Fähigkeit, immer wieder Aushilfen zu finden.
2. Folgende Grundkentnisse (nach Fachgebieten geordnet) sind notwendig: Bekleidung und Ausrüstung, Verpflegung, Gesunderhalten (dabei Erfrierungsgefahr),…
4. Ganz allgemein ist die Gefahr von Kälteschäden gering, wenn der Blutkreislauf in Ordnung ist:… Der Blutkreislauf kann durch folgende Mittel erhalten und gestärkt werden: Wärmezufuhr von innen durch zweckmäßige Ernährung und von außen durch Heizung,…, körperliche Bewegung und Körperpflege.
5. Vor Alkohol als Schutzmittel gegen Kälte kann nicht ein dringlich genug gewarnt werden. Alkohol erweitert die Hautgefäße und täuscht ein Wärmegefühl nur vor. Er darf nur ausgegeben werden, wenn anschließend ein längerer Aufenthalt in warmen Räumen in Aussicht steht. Wer wieder ins Freie muß (Posten), darf keinen Alkohol erhalten.
II. Bekleidung und Ausrüstung…
III. Verpflegung im Winter
Allgemeines:
2. Im Winter muß die Truppe öfters als im Sommer warmes Essen und heiße Getränke erhalten. Häufige Ausgabe von warmer Suppe zum Frühstück und zur Abendkost ist anzustreben. Heißes Wasser zur Ausgabe warmer Getränke muß ständig bereitgehalten werden. Je größer die Kälte, desto fettreichere Nahrung ist notwendig. Genuß von Lebensmitteln, insbesondere kalter Kost, die eine Temperatur unter 10° C haben, sollen vermieden werden. Genuß von Lebensmitteln mit einer Temperatur unter 3° C oder im gefrorenen Zustand hat schwere Gesundheitsschädigungen zur Folge.
3. Lebens- und Genußmittel sind zum großen Teil sehr empfindlich gegen Nässe und Kälte. Kälte kann leicht zum Verderb führen oder den Nährwert mindern
IV. Gesunderhaltung im Winter
24. Abhärtung wird erreicht durch alltägliche vorsichtige Steigerung des Aufenthalts im Freien bei körperlicher Bewegung und durch maßvolle Beheizung der Innenräume, besonders der Schlafräume. Schon vor BEginn des Winters muß mit der Abhärtung begonnen werden. eine Abhärtung gegen Nässe gibt es nicht.
Winterkrankheiten und Erste Hilfe
28. Die allgemeine Erfrierung äußert sich im Schweregefühl der Glieder. Der Gang wird unsicher. Die Sinne drohen zu schwinden. Die Haut wird fahl, Puls und Atmung verlangsamen sich. Zunehmend tritt Schlafsucht ein.
29. Die örtliche Erfrierung kann zusammen mit der allgemeinen vorkommen, häufiger aber allein. Sie entsteht vorwiegend an Körperteilen, deren Blutumlauf an sich gering ist, oder bei denen er beeinträchtigt ist, oder die der Kälte besodners ausgesetzt sind, weil sie mit der Außentemperatur in weiter Ausdehung in Berühruung komen. Das sind vor allen Dingen Ohren, Nase, Finger und Zehen, bei weiter fortgeschrittenen Erfrierungen Hände, Füße und Unterschenkel. Anzeichen der örtlichen Erfrierung: Die befallenen Körperteile werden zunächst blaß und empfindungslos, später blaurot. Sie schwellen dann an und sind schwer beweglich. Im Anschluß daran treten brennnende und stechende Schmerzen auf.
Schlachtbeschreibung 21. 12.1942
10. Tag des Entsatzvorstoßes
Halten des Brückenkopfes Wa. Funkspruch: Die Vereinigung steht dicht bevor. Funkspruch: Auf Wiedersehen in Kürze.
Wehrmachtsbericht 21.12.1942
In Wolga-Don-Gebiet halten die schweren Kämpfe an. In erbitterten Panzer- und Infantereischlachten erlitten die Sowjets wieder überaus hohe Verluste an Menschen und Material. Nach bisherigen Meldungen wurden gestern im Donabschnitt über 70 feindliche Panzer vernichtet. Am mittleren Don gelangd em Feind, der seit Tagen mit stärkster Kräftemassierung von Panzerverbänden angegriffen hatte, ein Einbruch in die dortige Abwehrfront. Er wurde mit ungeheuren bol. Verlusten erkauft. Um einer Flankendrohung zu begegnen, bezogen im Anmarsch befindliche deutsche Divisionen planmäßig vorbereitete rückwärtige Stellungen und verhinderten dadurch die Ausweitung des feindlichen Angriffserfolges. Die Kämpfe halten in unverminderter Stärke an. Deutsche, italienische und rumänische Fliegerkräfte griffen an den Schwerpunkten der Abwehrschlacht laufend in die Kämpfe ein. 23 feindliche Flugzeuge wurden in Luftkämpfen, 6 durch Flakatillerie der Luftwaffe abgeschossen.. Ein deutsche und ein rumänisches Flugzeug werden vermißt.
Tagesparole des Reichspressechefs 22.12.1942
V. I.-Nr. 328/42
Die anhaltende Schwere der Abwehrkämpfe im Wolga-Don-Gebiet ist im Rahmen des OKW-Berichts hervorzuheben. Dabei sind die schweren bol. Verluste, insbesondere an Panzern, in weiterer Hervorhebung des Zusammenwirkens mit den verbündeten rumänischen und italienischen Truppen gut zu würdigen.
Der letzte Zeitvergleich war hier.
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